Hintergrund Essstörung

Warum Diäten, Ernährungspläne, gezügeltes Essverhalten und Kalorientracking alles noch schlimmer gemacht haben, das eigentliche Problem aber ganz wo anders liegt.

Vor kurzem habe ich im Instagram Feed von Julia Prinz (https://www.instagram.com/julia.craftkoerper) einen interessanten Satz gelesen:

“Problematisches Essverhalten ist oft verknüpft mit einem hohen Produktivitätsanspruch. Essen ist dann oft die einzige “unproduktive” Pause, die man sich wirklich erlaubt. Daher bekommt es so viel Wert.”

Ich würde diesen Satz fast vollständig mit leichter Adaptierung übernehmen. Essen kann nicht nur Pause sein, sondern kann sich im Fortschreiten der Essstörung eher zu einer Art “Familie”, “Heimat” oder wie auch immer man es nennen will, entwickeln. Es ist ein Anker und Ort, der einen für eine gewisse Zeit so sein lässt, wie man eben sein will.

Achtsamkeit und intuitives Essen

Ich habe in den vergangenen Monaten etwas besser gelernt, achtsam mit meiner Ernährung zu sein. Achtsam schon bei der Auswahl der Lebensmittel, bei der Zubereitung, letztendlich auch beim Verzehr. Das hat einige positive Veränderungen mit sich gebracht. Die Qualität meines Essens hat sich stark gesteigert (Qualität der Rohstoffe, Zeit für Zubereitung) und wenn man eine Mahlzeit nicht einfach so nebenbei verschlingt während man mit dem Handy spielt oder am Computer arbeitet, sondern einfach während des Essens auch beim Essen ist, nährt es nicht nur im Sinne der enthaltenen Nährstoffe.

Das gelingt nicht immer. Im stressigen Alltag bleibt es nicht aus, dass man auch mal zwischen Task 1 und Task 2 sein Essen zu sich nimmt. Die goldene 80:20 Regel ist wie immer auch hier gültig. Empfehlen kann ich in diesem Zusammenhang das Kursangebot von Cornelia Fiechtl (www.achtsam-essen.at | https://www.instragram.com/cornelia.fiechtl)

Ernährungsplan, Diät und Tracking

Um intuitiv das Richtige essen zu können, muss man schon auch ein wenig wissen, was man da tut. Mir persönlich haben die zahlreichen Diäten und Versuche der Ernährungsumstellung schon auch gezeigt, was Lebensmittel sein können. Warum Gemüse wichtig ist, wieso wir Proteine brauchen und warum Fett nicht unbedingt fett macht.

Ohne dieses Wissen greift man dann vielleicht intuitiv immer zu dem, was einem die Oma mal gezeigt hat, was die Schulkollegen gemacht haben oder was die Kollegen in der Arbeit tun. Meistens sieht man aber nur die offensichtlichen Dinge und nicht das, was sich in der Zeit, in der diese Menschen außerhalb des eigenen Sichtfeldes sind, passiert (“Wow, der kann jeden Tag Pizza und Süßigkeiten essen und nimmt nicht zu”).

Dass der Pizza-Man aber vielleicht jeden Abend auf sein Abendessen verzichtet oder 6 Mal pro Woche intensiv Sport macht, sieht man vielleicht im ersten Moment nicht.

Um intuitiv zu den “richtigen” Lebensmitteln zu greifen, muss man also schon auch ein wenig Ahnung davon haben, was der Körper braucht. Dabei gibt es aber eben auch keine “falschen” Lebensmittel. Die eine Pizza oder der Burger oder die Schokoladentafel haben mich nicht in die Situation gebracht, hätte ich sie immer nur bewusst konsumiert.

Letztendlich hat aber dieser Fokus auf “gute” Lebensmittel, deren Kalorien und Makronährstoffe meine Essstörung auf eine neue Ebene katapultiert. Dieses reglementierte Essen der letzten Jahre hat aber mein Binge Eating nicht erzeugt, es hat die Essstörung einfach nur verstärkt. Nachdem mir meine Intuition gesagt hat, du machst das jetzt so, könnte man also auch sagen, dass ich intuitiv das Falsche gemacht habe.

Zurück zum Anfang

Jetzt sind wir wieder beim zu Beginn erwähnten Satz von Julia Prinz.

In einem längeren Gespräch mit einer befreundeten Psychologin – das so in der Form eigentlich zufällig entstanden ist – hat sie einfach die richtigen Fragen gestellt.

Meinen ersten richtig ordentlichen Gewichtsschub habe ich während meiner Zeit beim Bundesheer gemacht. Die ersten sechs Wochen hat mir die Grundausbildung zwar sicher das eine oder andere Kilo vom Körper gerissen, in den folgenden sechseinhalb Monaten durfte ich dafür massiv zunehmen. Der Grund: Fehlende Beschäftigung.

Ich hatte eine Tätigkeit als Kanzleischreiber. Insgesamt hatte ich jeden Tag für 20 Minuten tatsächlich etwas zu tun. In der übrigen Zeit war ich an meinen Bürostuhl gefesselt. Mit Ausnahme von Mittag- und Abendessen. Das Mittagessen war bei uns immer ausgezeichnet, man konnte sich beliebig oft einen Nachschlag holen, es hat sich zu einem von drei Highlights des Tages entwickelt.

Ein anderes Highlight war das Frühstück. Ein Kollege und ich sind immer extra früh in die Kaserne gefahren, um das Frühstück dort noch genießen zu können. Es hatte nämlich durchaus Hotel-Niveau.

Highlight Nummer drei war das Feierabend Ritual. Mit dem oben erwähnten Kollegen ging es sehr oft nach Dienstschluss zu einem lokalen Kebab-Stand. Dort gab es den erwähnten Kebab und ein Feierabendbier.

Sechseinhalb Monate lang hatten alle Highlights meines “Soldatenlebens” mit Essen zu tun. Ja OK, ich durfte mal bei der Einführung unserer C-130 Transportflugzeuge dabei sein und dem damaligen Bundespräsidenten die Hand schütteln, aber gleich anschließend gab’s auch da ein Buffet…

Diese Zeit hat aus Essen etwas Besonderes gemacht. Essen war seither nur mehr mit einem schönen Gefühl verknüpft. Mit einem Highlight. Mit Pause. Mit Abstand von allem.

Als es nach dem Bundesheer zurück ins Berufsleben ging, war es mit dem unproduktiven Dasein vorbei. Stress, Hektik und “Das muss sofort sein” waren wieder an der Tagesordnung. Was geblieben ist, ist das schöne Gefühl, das ich mit Essen assoziiert habe. Die Mittagspause war meistens nur kurz und es gab irgendein Fastfood. Aber auch diese 15 Minuten waren Entspannung. Richtig nachgeholt und ausgebaut wurde diese Entspannung dann erst am Abend. Es war Feierabend und ich konnte mich nun meiner Heimat – dem Essen – widmen. Bei anderen Menschen war es eben die Familie, ein Radausflug, ein gutes Buch oder was auch immer. Bei mir war es Fastfood, Gummibärchen, Schokolade, Chips und andere Snacks.

Dazu gekommen ist, dass ich fast ein Jahrzehnt einen Beruf ausgeübt habe, den ich eigentlich schon lange nicht mehr ausüben wollte und das noch dazu in einer Umgebung, in der ich mich (trotz diverser Arbeitgeberwechsel) nicht wohl gefühlt habe. Ich konnte mich aber nicht davon trennen, da ich gefühlt jeden Tag meinen Abschalt-Moment in Form von mehreren tausend Kalorien bekam.

Der Nebel hat sich erst zu lichten begonnen, als ich zu meinem aktuellen Arbeitgeber gewechselt habe. Dort gibt es zwar auch jede Menge Stress und hektische Zeiten, aber es gibt dort vor allem geregelte Verhältnisse und Strukturen, an denen man sich großteils festhalten kann. In Sachen Essstörung hat es mir zwar tatsächlich noch nichts gebracht, es hat aber zumindest dazu gereicht, alles zu hinterfragen und irgendwo sehr nahe an der Wurzel anzusetzen. Diese Freiheit im Kopf hatte ich davor nicht. Mit dem einen oder anderen Kontakt, der einem zufällig über das Internet zufliegt und dem wachsenden Mut, alte Muster und Glaubenssätze abzulegen, wird es aber mittlerweile fast wöchentlich besser. Auch wenn der zweite Lockdown, in dem wir uns gerade Corona-bedingt befinden, gleich zu Beginn wieder einen starken Ruf nach “Heimat” ausgelöst hat.

Nachdem meine ersten Erinnerungen an das Binge Eating oder ein gestörtes Essverhalten erst nach meiner Präsenzdienst-Zeit auftauchen, könnte man also tatsächlich behaupten, dass mich die österreichischen Streitkräfte zu einem Elitekämpfer in Sachen Lebensmittelvernichtung ausgebildet haben. Das ist natürlich viel zu leicht. Es gibt hier nicht den einen Schuldigen oder die eine Situation, die dazu geführt hat. Ich glaube aber dennoch, dass diese Zeit und auch die berufliche Zeit unmittelbar danach meinen Bezug zu Essen ganz stark geprägt haben.

Was passiert jetzt?

Ich suche mir jetzt endlich eine neue Heimat.

Frei nach Herbert Grönemeyer “Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl!”

  •  Essen ist Genuss, notwendig zum Überleben und kann nach dem Lockdown auch wieder ein soziales Event sein.
  • Es gibt tausende Möglichkeiten zur Auszeit und zur Entspannung. Die meisten davon haben nichts mit Kalorienaufnahme zu tun.
  • Achtsamkeit ist zu jedem Zeitpunkt wichtig. Egal ob wir an etwas konzentriert arbeiten, an sich selbst arbeiten oder einfach gar nichts arbeiten.

Es heißt also hier weiterhin: Under Construction.

Ich habe diesen Text auch deshalb geschrieben, weil viele Ernährungsexperten das Thema Binge Eating mit Heißhunger verbinden. Heißhunger habe ich natürlich auch oft verspürt. Gerade in Zeiten, in denen gezügeltes Essverhalten vorherrschend war. Heißhunger kann man mit intuitivem Essen vermindern (nicht verhindern). Es ist aber kein Vergleich mit meiner Form des Binge Eatings.

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